Die Kinder von Melchenbühl gehen in eine Containerschule. So wird das Provisorium in der Alltagssprache oft genannt. Das bisherige Schulgebäude wird saniert. Nebenan stehen 68 Container-Module, die sieben Klassen als Heimat dienen.
34 Lastwagen aus Kroatien fuhren die Schule Mitte Juni 2024 heran, zwei Container pro Sattelschlepper. Eine Luzerner Firma verantwortete das Projekt, der Ausbau der Container fand in Kroatien statt. Die Lastwagen machten Halt auf der Autobahnraststätte Grauholz. Per Funk bekam ein Chauffeur nach dem anderen den Befehl, das etwas andere Schulmaterial nach Muri bei Bern zu bringen. Ein Kran fügte die Container vier Tage lang zusammen, als spiele er Lego für Riesen, bis alles zusammenpasste. Acht Klassenzimmer, sechs Gruppen- und Spezialräume, zwei Lehrerzimmer (Aufenthalts- und Arbeitsraum), zwei Materialräumchen. Eine neue Schule leicht gemacht.
Es ist der 6. Dezember 2024, draussen kalt und grau, drinnen warm und hell. Bei der Klasse 3b ist der Samichlaus gekommen. Am Tag zuvor zog sogar schon ein Wichtel ein. Tibu Lindström heisse er, erzählen zwei Mädchen. Ob er aus Schweden komme? «Nein, vom Nordpol», er sei übrigens 124 Jahre alt.
Dass sie diesen aussergewöhnlichen Besuch in einem Container bekommen, ist nicht der Rede wert. Die Kinder haben miterlebt, wie ihre neue Schule entstanden ist. Sie haben gesehen, wie die Module angeliefert worden sind. So war die neue Schule schon zur Selbstverständlichkeit geworden, bevor sie ab August 2024 Alltag war. Dass die neue Schule eine provisorische Schule ist, ist auch nicht der Rede wert. «Es ist schön, dass wir hellere Lichter haben», sagen die Mädchen. Im früheren Zimmer im eigentlichen Schulhaus sei ein dunkler Teppich gelegen, vor dem Fenster ein grosser Baum gestanden. In den Containern scheint alles in frohes Weiss getüncht.
Ob sie sich einschränken müssten? «Die Gestelle stehen einfach an einem anderen Ort, sonst ist alles fast gleich.» Und ach ja, die Garderoben böten etwas weniger Platz. Manchmal müssten die Kinder die Schuhe zusammensuchen oder Flaschen nachspüren, die weggerollt seien. Alles in allem wissen sie, dass sie einfach ein bisschen mehr Rücksicht nehmen müssen aufeinander.
Es sollen nicht Einschränkungen sein, mit denen Kinder, Lehrerinnen und Lehrer umzugehen haben, sondern Veränderungen: So sehen es Rolf Rickenbach, der Schulleiter, und Fabian Bissegger, der Hauswart. Über Bissegger lief viel in diesem Veränderungsprozess. Nichts wollte er übersehen haben, «mein Ziel war, dass wir am ersten Schultag nach den Sommerferien nicht plötzlich dastanden und merkten, was alles fehlt».
Um keinen unliebsamen Überraschungen zu begegnen, besuchten Bissegger und Marcel Bleiker, der Hausvorstand der Schule Melchenbühl, eine Schule in Solothurn, die schon vorher in einem Container-Provisorium untergebracht war. Sie erfuhren, dass Bälle unter die leicht erhöht gebauten Container gerollt und Kinder hinterhergekrochen seien. Also wurden im Melchenbühl sicherheitshalber Holzbretter angebracht zwischen Container und Boden.
In Solothurn waren zudem die «Notleuchten» vergessen gegangen, die grünen Lichter, die den Notausgang signalisieren – oder auch Schmutzschleusen. Damit die Kinderschuhe den ärgsten Dreck loswerden, liegt im Melchenbühl-Provisorium hinter den Eingangstüren gleich ein Teppich. Dank den Erfahrungen in Solothurn wusste Bissegger auch, dass jeder Raum einen eigenen Accesspoint für den Internet-Empfang braucht. Metallwände sind undurchdringlich, zumindest fürs Internet.
Sonst sind die Container eher ringhörig. Es gehört zu den Schwächen des Provisoriums mit zwei Ebenen. Wenn die Kinder im ersten Stock springen, tanzen oder hüpfen, springen, tanzen oder hüpfen sie den Kindern im Erdgeschoss quasi auf dem Kopf herum. Es ist ein spürbarer Unterschied, ob eine Klasse 16 oder 24 Schülerinnen und Schüler umfasst. Der ganz normale Geräusch- und Lärmpegel von zwei Dutzend Kindern füllt einen Container umfassender, als wenn es acht weniger sind. Mit einer 24-köpfigen Klasse bestehen auch für die Pultordnung kaum andere Möglichkeiten, als die Tische klassisch hintereinander aufzureihen.
Im Zimmer der Klasse 3b mit 16 Kindern hingegen bleibt noch Platz für einen Sitzkreis. Die Lehrerin hat es sogar geschafft, zwei Leseecken einzurichten. Die Lehrerin nahm sich im Sommer annähernd zwei Wochen Ferien-Zeit, um das Container-Zimmer so einzurichten, wie es ihren Ansprüchen entspricht. Aber sie habe auch grosse Unterstützung gehabt vom Hauswart Fabian Bissegger. Er stellte ihr «alles Mobiliar so hin, damit die Einrichtung so möglich war, wie ich sie mir wünschte». Offensichtlich erfolgreich. Wie sagen die beiden Mädchen: «Es fühlt sich gross an. Aber es ist eigentlich kleiner.»
Es ist die Kunst: alles etwas anders wirken zu lassen, grösser und so gar nicht provisorisch. Es sieht so aus, als seien die Menschen, die hier lernen und unterrichten, gekommen, um zu bleiben. Als würde sich vielleicht sogar der Wichtel Tibu Lindström für die nächsten 124 Lebensjahre wohl fühlen an diesem Ort. Es habe geheissen, es habe Kündigungen gegeben wegen der Container-Schule, sagt der Schulleiter Rolf Rickenbach. Doch dem sei nicht so. Das Kollegium sage sich vielmehr: «Jetzt ist es halt so, machen wir das Beste draus.» Und, so sagt Rickenbach: «Das Beste ist gar nicht so schlecht.»
Eine Container-Schule ist nicht zuletzt so gut, wie sie die Nutzenden beleben und gestalten. An diesem Morgen ist das Beste so gut, dass im Lehrerzimmer für alle Mitarbeitenden ein «Grittibänz» bereitliegt. Wie alle anderen Zimmer ist dieser Raum wohnlich dekoriert, der Zeit entsprechend – nicht der Bau-, sondern der Adventszeit.
Mittlerweile ist grosse Pause. Eine Pausenglocke hat das Provisorium nicht, aber das Klingeln von der Turnhalle nebenan ist laut genug. Die Schuhe sind gefunden, die Kinder stürmen aus den Garderoben. Pause ist Pause, wo der Unterricht auch stattgefunden hat, ob im Container oder nicht. Die beiden Container-Komplexe sind mit einem Dach-Konstrukt verbunden, bei schlechtem Wetter fehlen den Kindern aber Rückzugsmöglichkeiten. Auch diesem Mangel nahmen sich die Verantwortlichen an. Auf Initiative des Hausvorstands Marcel Bleiker stellten Werkhof-Mitarbeitende auf dem Fussballplatz ein Festzelt auf. Es bot den Kindern solange Unterschlupf, bis es den Schneemassen vom 22. November nicht standhielt.
Und jetzt machen sie wieder das Beste draus, Hauswart, Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler. Bis längstens im Frühjahr 2026 gehen sie noch in diesen hellen Wänden ein und aus. Danach ziehen sie ins sanierte Schulgebäude zurück – und die Container vermutlich weiter, Muri-Gümligen-intern, zum nächsten Sanierungsprojekt im Schulhaus Horbern.
Ob sie am Morgen eigentlich sagten, dass sie in die Container-Schule gingen, werden die beiden Mädchen aus der dritten Klasse noch gefragt. «Nein», sagen sie, «wir gehen einfach zur Schule.»